The Rise of Rock’n’Heim

Tag 2: Samstag, 17.08.2013

DSC04211Rock-Festivals? Kann man nie genug haben. Das dachte sich wohl Marek Lieberberg und präsentierte dieses Jahr mit „Rock’n’Heim“ ein neues Festival, das ganz im Zeichen der Evolution stand. Nicht nur ein Affe wurde als Maskottchen gewählt und fleißig in Form von Masken verteilt, sondern auch die beiden Bühnen wurden mit „Evolution“ und „Revolution“ betitelt. Obwohl Electro- und HipHop-Acts keine Revolution mehr auf großen Festivals darstellen, kamen dort die Fans dank Auftritten von Oliver Koletzki, Lexy & K-Paul, Sub Focus, Boys Noize, Casper und Nero voll auf ihre Kosten.

Die Evolution-Stage widmete sich ganz dem Rock und wurde von Long Distance Calling gefolgt von Enter Shikari eröffnet. Die wussten, wie sie dem Festivalpublikum einheizen können und stürzten sich fleißig in die Menge. Biffy Clyro spielten – wie gewohnt oben ohne – viele Hits der aktuellen Platte, aber auch alte Bekannte wie Many of Horror oder Mountains als krönenden Abschluss. Auch die Deftones lieferten eine solide Show ab, wobei sich Frontmann Chino nicht lumpen ließ und sich sämtliche Kopfbedeckungen, die ihm entgegengeschleudert wurden, auf den Kopf packte.

Für eine Band mit gleich zwei Akustikgitarren, heizt Tenacious D ganz schön ein und das Gedränge war bei kaum einer Band so extrem. Das Publikum fiel regelmäßig um wie Dominosteine, einen Blick auf den wie üblich gigantischen Phönix wird aber wohl jeder erhascht haben. Musikalisch haben Tenacious D jedenfalls etwas auf dem Kasten, ob ein Film gezeigt werden muss, in dem sich Jack Black prostituiert, ist Geschmackssache. Immerhin wurde auf Deutsch über die Preise verhandelt!

DSC04362Irgendwann war aber klar: Heute Abend wartet alles auf System of a Down. Die Herren ließen sich etwas Zeit, was die Spannung nur noch erhöhte und eröffneten schließlich mit Aerials. Darauf folgte ein bunter Mix aus sämtlichen Alben und überraschend emotionale Gesangseinlagen von Gitarrist und Sänger Daron Malakian. Selten hat man jemanden so theatralisch über Geschlechtsteile singen gehört wie beim Intro zu Cigaro. Auch der Rest der Band bewies wieder einmal, was für großartige Musiker sich da zusammengefunden haben, die wirklich niemanden unberührt lassen.

Neben den Bands macht aber auch die Organisation und Location ein Festival aus. Letztere war in diesem Fall der Hockenheimring und ist damit ein weiteres Indiz dafür, dass „Rock’n’Heim“ dem großen Bruder „Rock am Ring“ nacheifern will. Wie bei diesem sind die Wege ziemlich weit, allerdings merkt man an mancher Stelle schon, dass am Hockenheimring Neuland betreten wird und noch nicht alles ausgereift ist. Aber im ersten Jahr nicht anders zu erwarten und völlig in Ordnung. Zum Beispiel könnte man den Aufbau der Bühnen überdenken, da es zumindest von der Evolution-Stage bergab ging und der Boden ziemlich gestaubt hat, sodass man in der tobenden Menge doch auf eine Art Mundschutz angewiesen war. Aber überlassen wir die Planung lieber den Profis.

Tag 3: Sonntag, 18.08.2013

Der Sonntag wurde alles andere als gediegen von Callejon eingeleitet. Ausgestattet mit fettem schwarzem Balken um die Augen wurden nicht nur eigene Hits, sondern auch Cover von Fettes Brot und den Ärzten gespielt.

DSC04439Am Sonntag braucht auch der fleißigste Festivalbesucher mal eine Pause und in diesem Fall war der Pringles-Stand die erste Anlaufstelle. Aufgrund des leichten Regenwetters waren nicht nur die Regencapes heiß begehrt, sondern auch um andere Kleinigkeiten wurde in harten Limbo- und Luftgitarrenwettstreiten gekämpft. Spätestens zu Heaven Shall Burn empfahl es sich aber wieder vor der Bühne zu stehen, denn die Thüringer brachten das Publikum wie kaum eine andere Band zum Kochen. Da die Eltern von Sänger Marcus Bischoff den Livestream begutachteten und nicht glauben wollten, dass manche Crowds den ganzen Platz umgraben, gab es etwas zu beweisen. Die Band gab sich nicht mit kleinen Circle Pits zufrieden, sondern forderte die Menge auf, auch die Türme mitzunehmen. Das ließen die sich nicht zweimal sagen und bald ähnelte der Pit mehr einer Polonaise über den gesamten Platz, zu der immer mehr Menschen hinzurannten. Auf jeden Fall ein Highlight!

Obwohl Heaven Shall Burn zumindest auf dem Papier die Härtesten an diesem Tag waren, zeigten auch Kraftklub im Anschluss, dass das Publikum bei ihnen nicht schläft. Wie immer ließ es sich Sänger Felix nicht nehmen einmal quer über den ersten Wellenbrecher zu crowdsurfen. Während der Hinweg noch einigermaßen klappte, war es vorbei, als er durch eine Gasse wieder zur Bühne rennen wollte. Die Situation erinnerte leicht an „Das Parfüm“, als sich die Fans wie verrückt auf DSC04504ihn stürzten und ihm Schuhe, Socken und die halbe Hose herunterrissen. Irgendwann hatte der Frontmann es geschafft, versicherte aber, dass das der letzte Ausflug dieser Art gewesen sei. Schade, soviel Liebe ist dann wohl doch etwas zu viel des Guten.

Während dieses Abenteuers spielten weitere deutsche Topacts auf der Revolution-Stage: Marteria und Seeed, die nur von Chase & Status getrennt wurden, aber wer sagt bei diesem Electro-Duo schon nein? Wie am Vortag fiel die Entscheidung also schwer, ein richtiges Luxusproblem.

Insgesamt kann man sich von der Premiere eines Festivals nicht viel mehr wünschen. Hervorragendes Line-up, meistens gutes Wetter, gute Stimmung – so soll es sein. Mal sehen wo die Evolution „Rock’n’Heim“ noch hinbringt, wir sind jedenfalls gespannt auf nächstes Jahr!

Text und Bild: Julia & Carolin Scheifele