The calculating mind can not be trusted

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– 42tägige Performance von Barbara Kowa
– Letzter Teil des 12jährigen Zyklus Bis dass der Tod uns scheidet

„Es kommt bei meiner Performance nicht darauf an, wieviele Leute sie sehen, sondern dass sie stattfindet.“ Barbara Kowa

Eine Frau wohnt 42 Tage lang in einer Galerie in Berlin-Neukölln und verspeist in dieser Zeit in einem exakt festgelegten Ablauf insgesamt 1.764 Walnusshälften. Sie hängt ihre tiefroten Zöpfe an einem Netz unter der Decke auf: wie Blutgefäße, wie ein Baum oder wie ein Pilzmyzel, einem Geflecht feiner wurzelähnlicher Fäden. Mit „Dem berechnenden Bewusstsein kann man nicht trauen“ – der Performance zum Kapitel Gehirn – findet ab 15. Januar der Performancezyklus „Bis dass der Tod uns scheidet“ jetzt seinen Abschluss. Darin hat sich die Künstlerin Barbara Kowa zwölf Jahre lang in sieben Kapiteln mit unseren existentiellen Abhängigkeiten beschäftigt.

Das Gehirn und sein System der Zuordnung funktionieren oft nicht als der bewusste Vorgang für den wir ihn gern halten. Manche Leute haben den Tick, dass sie gern ihre Socken schon beim Aufhängen der Farbe nach sortieren, die Künstlerin Barbara Kowa muss bei Nüssen und Chips unbedingt zuerst die kaputten essen. Um aufzuräumen. Auch wenn man rein rational weiß, dass es ein Tick ist, muss man es trotzdem machen. Und umgeht sein Gehirn und manipuliert es. Und wie alles, das merkwürdig oder traumatisch ist, kann man es nur loswerden, wenn man es sich genau ansieht.

Barbara Kowa lebt 42 Tage lang inmitten einer Installation, welche die Verbindungen zwischen den vergangenen Performances des Zyklus aufzeigt. Jeden Mittag spinnt sie zunächst die roten Fäden des durch die Ausstellung gespannten Beziehungsgeflechtes. Sie stellt drei Schalen mit je sieben Walnüssen und zwei leere Teller jeweils für die Nussschalen und für die heil gebliebenen Walnüsse neben sich. Die beim Knacken zerbrechenden Nusshälften isst sie sofort. Laut zählt sie die heil gebliebenen, wie Miniaturgehirne aussehenden Nusshälften: diese Zahlenreihen werden 42 Tage lang ihre einzigen, gesprochenen Worte bleiben. Auf Band aufgenommen spielt nun eine Loopmaschine die Zahlen ab. In einer raumgreifenden Aktion spannt Kowa jeweils genauso viele in ihr Haar eingeflochtene rote Bänder an dem unter der Decke gespannten Netz fest.
Die „Miniaturgehirne“ werden Schale für Schale verzehrt, dabei wird die nächste aufgenommene Zahlenreihe zur jeweils vorherigen hinzugefügt. Zum Ende der Performance entstehen so ein akustisches Palimpsest aus drei Zahlenreihe und eine raumgreifende Installation, in deren Mitte die Künstlerin an den Haaren aufgespannt ist. Für Kowa ist das ein Bild dafür, wie wir Menschen zwischen Himmel und Erde „aufgehängt“ sind.
An allen 42 Tagen beginnt sie sich jeden Abend gegen sieben Uhr zu drehen und das Netz der aufgespannten Bänder fällt in sich zusammen. Eine äußere Entsprechung der Tatsache, dass alle so sorgsam gezählten und sortierten Nusshälften dennoch als eine einzige Masse verstoffwechselt werden.

Barbara Kowa wird die Galerie während der Zeit der Performance nicht verlassen und vor Ort in einem Sarg schlafen, der ein wichtiger Teil der Installation ist. Sie ist darin natürlich nicht tot, als Schlafende ist bei ihr aber die bewusst kalkulierende Gehirnfunktion abgeschaltet.
Die Performance wird live gestreamt, Menschen auf der ganzen Welt können diese über einen persönlichen Zugang online verfolgen und mit der Künstlerin in Verbindung treten, optional als eine Art Kunst-Big-Brother oder auch als ein virtuell-analoges Videogame. Diese virtuelle Realität, welche alle Daten als Algorithmus aus 0 und 1 verarbeitet und somit das berechnende Bewusstsein schlechthin verkörpert, wird so auch Teil der Performance.
Auch die Galeriebesucher mit ihren inneren und äußeren Bewegungen werden ein Teil der Performance. Das Publikum ist eingeladen, in den Räumen der Galerie Zeit der Muße zu verbringen. Es wird eine kleine Bibliothek eingerichtet, in der man sitzen und lesen, sich via mp3-Pplayer die Erlebnisse der Künstlerin während der vorangegangenen Performances des Zyklus anhören oder die Texte zum ganzen Zyklus studieren kann. Im Keller werden Videos zum Zyklus gezeigt. Die gesamte, lebendige Installation soll ein Ort der Kontemplation sein, der die Besucher zu ihrem inneren Raum der Stille führt. Gespräche sind daher nicht erwünscht – 42 Tage lang ist die Luisa-Catucci Galerie ein meditativer Kunstraum.

Die Künstlerin und Schauspielerin Barbara Kowa wurde als Tochter des Kunsthistorikers und Kurators Wieland Schmied in die Welt der bildenden Kunst hinein geboren. Um Abstand und Identität bemüht, beschäftigte sie sich zunächst hauptsächlich mit der Schauspielerei und fand zur Freiheit der freien Kunst in einer Performance, die sicher gleichermaßen von der bildenden Kunst und dem Theater beeinflusst ist.
Weitere Informationen zu ihrer Arbeit unter www.barbarakowa.de

Stream im Internet über www.barbarakowa.de
• Einfacher Zugang: einmalig 7,00 € – Die Performance kann 42 Tage lang, 24 Stunden täglich verfolgt werden. Sehen Sie das Leben hinter der täglichen Live-Performance, begleiten Sie die Künstlerin bei ihren Übungen und Meditationen, die es ihr ermöglichen, die sechswöchige Performance zu zelebrieren.
• Erweiterter Zugang – eine Art virtuell-analoges Orakel: einmalig 21,00 € – Über die Beobachtung der Performance hinaus können der Künstlerin Fragen gestellt werden, die ausschließlich mit 0 oder 1 beantwortet werden. Da bei jedem Orakel vor allem die Qualität der Frage über Wirkung und Gehalt entscheidet, können die Fragen optional persönlich oder auch in einem vielsprachigen Gruppenchat der Mitglieder gestellt werden.
• VIP-Zugang: einmalig 42,00 € – Dieser Zugang ermöglicht zusätzlich Zugang zum – in der universellen Sprache der Kunst geschriebenen – Traumtagebuch und den Fotos der im Keller ausgestellten Totenmaske der Künstlerin. Die Maske aus Bienenwachs wird von einer Kerze beleuchtet und ist dadurch während der 42 Tage in ständiger Metamorphose begriffen.

Zyklus „Bis dass der Tod uns scheidet“
Giovanni Segantinis Gemälde „Die bösen Mütter“ zu verkörpern, um ein ikonographisch empfundenes äußeres Bild innerlich zu erleben, war Ausgangspunkt für diesen Zyklus. Es ging Kowa nicht nur einfach darum, das Bild zum Leben erwecken, sondern um intime Kommunikation mit den Bäumen. Bei diesen Performances gab es kein geladenes Publikum. Die Natur und unsere körperliche Abhängigkeit davon empfindet Kowa als das reale “Bis dass der Tod uns scheidet“ – daher trägt sie in allen Performances des Zyklus Brautkleider. In den ersten drei Jahren wiederholte sie die Performance an unterschiedlichen Orten und in verschiedenen Bäumen mit denen sie in innere Verbindung trat und das Erfahrene auf die Brautkleider schrieb.
Mehr und mehr begannen ihre Gedanken rund um „Bis dass der Tod uns scheidet“ zu kreisen und andere Kapitel unserer Bedingtheiten kamen hinzu. Kowa findet durch den Prozess der Performance mit seiner Verkörperung in Raum und Zeit das Wesentliche heraus und arbeitet gern in Zyklen, die ihr eine Kontinuität der Auseinandersetzung und den nötigen künstlerischen Freiraum bieten. So wurde ihr z.B. erst nach und nach klar, warum „Blut und Atmen“ als ein Kapitel des Zyklus zusammengehören: als Repräsentanten von Raum und Zeit. Denn wir alle teilen dieselbe Luft durch unseren Atem und sind durch das Blut mit unseren Ahnen in der Linearität der Zeit verbunden.
Der Zyklus ist wie der Blutkreislauf ein in sich geschlossener Kreislauf und beschäftigt sich damit, was unser Leben in dieser Welt ermöglicht, womit wir also unausweichlich verbunden sind. Dieses dreiminütige Video beschreibt den Zyklus, der mit dieser Performance schließt.

• NATUR 2005 – 2008 treetalks – public spaces – Österreich, Westafrika, Deutschland
• HERZ 2009 come to my heart ventricle – Royal Academie Copenhagen
2014 heart of unity – public space – Israel (during the „operation protective edge“)
• WASSER 2011 mao+tao – public space – China. Der Film Mao+Tao wurde 2014 fertiggestellt.
• SAMEN UND EI 2013 seeds and eggs – E.V.E. female performers New York & Berlin
2014 everybody carries it´s own seed – KW artwalks – Berlin
2015 fruitful graves – Cell63 performance-weekend – Berlin
2016 watering heart-seeds, open-air art – museum pédvàle – Lettland
• LUFT 2014 blood and breath – Cell63 performance-weekend – Berlin
2017 breath in blood – Cell63 performance-weekend – Berlin
• HAUT 2015 I got you under my skin – layer for layer – Cell63 performance-weekend-Berlin
• GEHIRN 2018 The calculating mind can not be trusted – Luisa Catucci Galerie Berlin

Foto: © Joerg Reichardt

Kontaktdaten:
Ort: Galerie Luisa Catucci
Allerstr 38, 12049 Berlin-Neukölln
www.luisacatucci.com
Öffnungszeiten: 15.01. – 25.02.2018, täglich 13:00 – 20:00 Uhr, Eintritt frei
Eröffnung: 12.01.2018 ab 19:00 Uhr
Mit Einführungsrede und Lesung von Burkhard Driest, Vorstellung des Projektes und der Performance und kurzer Eröffnungsperformance von Barbara Kowa

Firmenportrait:
Luisa Catucci Gallery born in January 2017 as evolution of Cell63 art platform, previous project of the Italian artist and curator Luisa Catucci.
After 150 exhibitions showing over 200 emerging artists from all over the planet, the gallery owner felt was time for a fresh start with a new body of work of stunning established and emerging artists from the international contemporary art scene.
Being art a fundamental passion of her life, Luisa is always on the lookout for surprising works by outstanding artists, with deep philosophical, ecological and cultural meaning.
The result are exhibitions presenting fascinating, meaningful and innovative contemporary art.
Placed in Neukölln, in the heart of the Schillerkiez, the gallery has benefited from that breath of fresh air responsible for the huge transformation of the area’s facet during the last decade: that type of spark making Berlin so famous and attractive all around the globe.
With this spirit, in addition to regular exhibitions, Catucci also organizes multi-dimensional events in the gallery combining art with pleasure, discourse and culture, Berlin style.