Masterskaja Theaterfestival, ein Sprung in die Tiefe des russischen Theaters

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SSWFest 2018 (School, Studio, Workshop) in St. Petersburg

„Es gibt praktisch keine bekannten Regisseure mehr in Russland, die Stücke mitbringen, um Probleme auf der Bühne zu präsentieren. Denn diese Stücke sprechen das heutige Publikum nicht an. Es verkaufen sich keine Tickets. Und in den großen Theatern geht es heute darum, die Kassen zu füllen,“ so Kristina Matvienko, die sich heute in Russland mit Stanislavski und Theater beschäftigt: „Die berühmtesten russischen Autoren schrieben nicht nur umfangreiche Romane, sondern auch Theaterstücke. Die meisten von ihnen sind nach wie vor relevant und werden weltweit inszeniert. Deshalb kann man in Moskauer Theatern diese berühmten Stücke von Fonvizin und Tschechow bis Leo Tolstoi beobachten.“ „Die Stücke laufen seit vielen Jahren und Aufführungen der Achtzigerjahre wie Jean Genets „Zofen“ von Roman Viktjuk und seinem Moskauer Theater, das Prototyp des modernen Theaters war, sind heute nichts weiter als Touristenattraktionen“, erzählte mir der Kritiker Roman Dolzhanskij vor einigen Jahren. Heute sind Moskauer Theater technisch perfekt ausgestattete Bühnen und vor allem eines: sündhaft teuer. Die Vorstellungen sind immer ausverkauft, eine Eintrittskarte kostet bis zur Hälfte einer durchschnittlichen russischen Monatspension. Für die Theaterexpertin Kristina Matvienko ist das Repertoire der Staatsbühnen zu sehr auf den Geschmack der Zuschauer abgestimmt.

Es existieren jedoch in Russland eine Hand voll von Masterskaja Theatern, ein System, im Westen unüblich, das sich stark vom touristischen Level abhebt. Bekannte Theaterleute wie Dmitry Krymov haben aus ihren Schülern eigene Ensembles zusammengestellt, so auch der Ende 2018 verstorbenen Pjotr Fomenko. Auf die Frage, was der Unterschied zwischen ihm und Fomenko ist, antwortet Krymov: „Dass ich noch lebe. Fomenko verfügt über ein Darsteller orientiertes Familienlabor. Ich mache etwas ganz anderes. Für mich sind äußere Formen wichtiger als für ihn.“ Es tut sich also immer noch etwas.

In St. Petersburger existiert ebenfalls ein bekanntes Meisterskaja-Theater, ein professionelles, dramatisches Theater, das 2010 von der Schauspiel- und Regieklasse von Professor Grigory Kozlov an der Staatlichen Theaterakademie St. Petersburg gegründet wurde. Seit 1995 lehrt Kozlov an der Akademie. Die Absolventen seiner Klasse zeichnen sich durch Professionalität, seltene szenische Ausbildung und die Einhaltung der ästhetischen und ethischen Prinzipien der Petersburger Theaterschule von G. A. Tovstonogov, A. I. Katsman und Z. Y. Korogodsky aus. Alle Schauspieler des Theaters sind Absolventen der Klasse von Professor Kozlov. Sie bilden nicht nur einen Zirkel von Klassenkameraden, sondern gehören einer einzigen Theaterschule an.

Schon als Studierende der Akademie traten sie durch ihre kraftvollen Darbietungen hervor, gaben Theaterveranstaltungen, die die Aufmerksamkeit der Kritiker und das Lob des Publikums auf sich zogen. Kozlovs Klasse wird als ein einzigartiges theatralisches Kollektiv gleichgesinnter Personen bezeichnet, das erhalten werden muss. So wurde dieses Masterskaja-Theater geboren. Das Repertoire besteht aus Produktionen von Grigory Kozlov und seinen Studentenregisseuren, ausgezeichnet durch große Bandbreite an Genres und Stilen und ausgerichtet auf unterschiedlichste demografische Aspekte. Das ist eine andere Welt.

Zum zweiten Mal fand heuer ein Festival besonderer Art in St. Petersburg statt. Das SSWFest 2018 (School, Studio, Workshop) zeugte Anfang bis Mitte Dezember vom Können der Regisseure und Akteure besonders der russischen Theaterschule.

An diesem Punkt kommen für den deutschen Chronisten unweigerlich Konstantin Stanislavsky und Bertolt Brecht ins Spiel. Die führenden Theaterkünstler ihrer Zeit wandten sich vom üblichen theatralischen Verständnis ab, entwickelten eigene Ansätze und legten den Grundstein für die Entwicklung des modernen Theaters. Heute bringt man sowohl Persönlichkeiten als auch ihr Verständnis von Theater immer wieder zum Einsatz, sei es im Theater oder im Film und Fernsehen. Die Relevanz beider Theorien ist heute so aktuell wie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung.

Trotz der erwähnten und einiger anderer theoretischer Gemeinsamkeiten unterscheiden sich Brecht und Stanislavsky stark in ihrem theatralischen Verständnis. Während Brecht durch sein episches Theater auf jede Illusion verzichtet, setzt Stanislavsky die perfekte Illusion zum Thema seiner Inszenierungen. Brecht steht für Antinaturalismus und Stanislavsky für Naturalismus. Und letzteres bedeutet seit dem Zweiten Weltkrieg ein Problem des russischen Gefühlstheaters. Die politischen Verantwortlichen erkannten die Emotionen der Bühne als die ihren.

Doch das Stanislavsky Konzept, in dessen Mittelpunkt der Schauspieler steht, wirkt fort. Individuelle Kreativität, wahres Gefühl, glaubwürdiges Handeln, körperliche Ausdruckskraft sollen nach wie vor die Stücke zu Bloom bringen. Als deutlicher Gegenpol zu Stanislavsky hatte sich Bertolt Brecht positioniert und statt Empathie und Illusionismus formulierte er eine Theorie der Distanz des Schauspielers zur Rolle. Das deutsche Theater bevorzugt heute ein antiillusionistischeres Konzept.

So bedeutete das SSWFest für den westlichen Besucher ein Eintauchen und vollkommenes Sich-Einlassen auf diese russische Schule, um dann herauszufinden, wohin sie sich im heutigen Russland entwickelt, ein spannendes Unterfangen.

Vom schauspielerischen Können überzeugten die Absolventen der Abschlussklasse Kozlov in dessen emotional perfekter Inszenierung im „Letzten Sommer in Tschulimsk“, einem Drama von Alexander Wampilow, dessen Arbeiten von 1967 bis 1972 zu den meistgespielten in der Sowjetunion gehörten und auch auf einigen bundesdeutschen Bühnen aufgeführt wurden. Der Autor setzte sich als Vertreter der „Dorfliteratur“ mit Gegenwartsproblemen auseinander, die nicht an Aktualität verloren haben und beschrieb die sowjetische Provinz, die tragikomischen Seiten des Alltags der Bewohner mit Anzeichen eines gesellschaftlichen Niedergangs. In einer achtstündigen Adaption von Michail Scholochows “Stiller Don” präsentierte sich Kozlovs Klasse ein weiteres Mal mit jugendlich ausgezeichneter Schauspielqualität voller Emotion und Passion ganz aus der der Tiefe der russischen Seele. Und wie bei fast allen Festivalvorstellungen gab es kaum mal einen freien Platz im Zuschauerraum.

Das Moskau Pjotr Fomenko Workshop Theater zeigte sich – nicht ganz kongruent mit dem russischen Publikum – in der „Light Breathing“-Show nach Petr Gladilins „Death Under a Sail“. Der Text missfiel, was jedoch im Hinblick auf schauspielerische Leistung und Bühnenpräsentation weniger von Bedeutung war. Dem Stück seien internationale Festivalauftritte gewünscht, es würde alleine schon durch die äußere Form bestehen.

Ebenfalls aus Moskau und ebenfalls bei einigen Kritikern ganz und gar nicht beliebt beeindruckte das Juliensemble (Viktor Ryzhakov Studio) mit „Drei Schwestern“ nach Tschechow. In der Kombination von Tradition und Innovation spricht Regisseur Ryzhakov die junge Generation an: „Es geht um uns -Menschen, die die Fähigkeit zur Liebe verloren haben. Vielleicht verstehen wir nicht, was genau wir verloren haben, weil wir alle endlos über Liebe reden, aber wir bekommen es irgendwie nicht hin zu lieben“. Hier verdichtete sich Tschechow zu einem up-to-date Ereignis des nicht umsonst in Ost und West gefragten künstlerischen Leiters des Moskauer Meyerhold Centers, der zahlreiche preisgekrönte Produktionen in Russland und Europa ablieferte, der zu Kursen über die Kunst des Theaters nach Deutschland, Polen, Ungarn und den USA geladen wurde und den zahlreiche renommierte Theaterfestivals auszeichneten. Das experimentellste Moskauer Institut traf auf absolute russische Klassik, ein sensationelles Ereignis während des Festivals in St. Petersburg.

Bei Kritikern wie beim Publikum kamen die Vorstellungen des Moskauer Praktika Theaters und Brusnikin Workshops dagegen an. In zwei psychologischen Theaterinstallationen nach Dmitry Danilov Stücken vom „Mann aus Podolsk“ und dem „Tumben Seryozha“ über die paradoxen Geschichten des modernen Menschen spiegelten sich poetisch Entwicklungen der Zivilgesellschaft auf zwei Bühnen und im Foyer. Regisseurin Marina Brusnikina und Szenograph Savva Savelev präsentierten sehr kuragiert zeitgenössisches Theater mit Methoden und Interpretation weit über klassische Schulen und ihre üblichen Anwendungsbereiche hinausgehend. Im Theater wurde laut Kritikerin Jelena Kowalskaja „Energie freigesetzt. Physische Berührungen“ gaben „Impulse für soziale und menschenfreundliche Interaktion … .“

Das zweite SSWFest war im Übrigen der Erinnerung an Dmitry Vladimirovich Brusnikin gewidmet, dem kürzlich überraschend verstorbenen Schauspieler, Regisseur und Leiter des Schauspielstudios der Moskauer Kunst-Theater-Schule und künstlerischen Leiters des Praktika Theaters.

Gebt den jungen Talenten eine Chance. Unter diesem Vorzeichen stellte sich mit „Picknick am Wegesrand“ nach dem Science Fiktion Roman der Strugatsky Brüder eine weitere, couragierte Vorstellung im Rahmen des Festivals vor. Die Kozlov Schülerin Natalia Lapina inszenierte unter Hinzufügung einiger sehr aktueller Aspekte ein philosophisch fantastisches Action-Stück. Die Geschichte von Redrick Shuhart, auf der Suche nach extraterrestrischen Artefakten, die Geschichte eines Menschen, der versucht, in menschlichem Maß in Raum und Zeit zu bleiben, welche in der Produktion ineinander verzahnt sind.

Gut durchdacht und strukturiert erlaubte die Regisseurin den jungen Schauspielern, glaubwürdig die verschiedenen Charaktere darzustellen. Dies gelang in Action-Szenen sehr gut, während längeren Monologen bisweilen der Duktus fehlte und pantomimische Handlungen unausgereift durchkamen. Der erste Teil holperte ein wenige daher, nach der Pause nahm das Stück dann Fahrt auf.

Wie nahe rückte doch die absurde Realität in den Augenschein der Besucher des Subbota Theaters (St. Petersburg). Die getäuschten Personen der Gogol Komödie „Revisor“ waren zwar die betrogenen Betrüger, jedoch stellvertretend für die gesamte korrupte Gesellschaft des Landes. Damit wurde Gogols Komödie zum „Sammelpunkt für alle möglichen Unzulänglichkeiten“. Das „Lachen über sich selbst“ verlor den Charakter des bloßen Spotts, da es eine „reinigende Wirkung“ hatte. Dem Lachen wird „die Kraft zugetraut, durch Lachen die Tragödie der Existenz ertragbar zu machen“ (Eugène Ionesco).

Verwechslung als Problem der Identität: Der in St. Petersburg uraufgeführte Revisor erlebte eine Reinkarnation in der hervorragenden Show von Andrej Sidelnikov. Ein Theater-Highlight nicht nur im Rahmen des 50. Jubiläums des SubbotaTheaters. Ich habe viele Revisoren gesehen und muss zugeben, dass diese Umsetzung eine der besten war: real, unmaskierte Politik, korrupte populistische Politiker, ihre Genossen und Medienmittläufer.
Comedy ist ein hartes Geschäft. Alle Akteure waren herausragend, Tempo, Textgenauigkeit, Punch und Action exakt aufeinander abgestimmt. Die einzelnen Typen ergänzten sich perfekt im Counterpart. So bildeten Haupt- und Nebenrollen eine perfekte Teamleistung.
„Das Subbota-Theater hat Gogols Komödie auf die Gegenwart übertragen, um ein paar einfache Fragen zu beantworten, die seit Gogols Zeiten ihre Relevanz nicht verloren haben. Das Genre der sozialen Satire in der russischen Kunst ist noch lebendig und die Trends des kulturellen Fortschritts stören das nicht. Doch nicht alles ist so wolkenlos: Die Probleme, die der große Schriftsteller im 19. Jahrhundert aufwarf, verschwanden auch nirgendwo, im Gegenteil – Vieles ist nur schlimmer geworden. Und vor allem wird die Zensur, die offiziell gesetzlich verboten ist, immer wütender, so dass die Umsetzung solcher Ideen bald einfach gefährlich wird“, so Lyudmila Semenova vom St. Petersburg Avant-Garde.

Dostojewskis „Idiot“ , ein Beitrag des Theaters an der Brücke aus Perm setzte vollends auf konventionelle Schule und Regie. Seit vielen Jahren arbeitet eine stets gleichbleibende Crew um Regisseur Sergey Fedotov bewusst am Erhalt dieses theatralischen Umfelds.

Im Kirschgarten nach A. Tschechow überzeugten die Darsteller des Nebolshoi Drama Theaters St. Petersburg sämtlich in ihren Rollen. Regisseur Lev Erenburg, bekannt durch seine kühnen dynamischen Shows, setzte hier ein wenig mehr auf konventionelles Theater, ohne an Tempo, Lautstärke und Action zu verlieren. Seine Charaktere gestalteten sich psychologisch äußerst detailliert. Wie gewohnt ließ Erenburg das Bekannte der Vorlage nach erfrischenden Textkürzungen und -änderungen in unerwartete Abläufe und Aktionen münden. Das Publikum dankte mit nicht enden wollendem Applaus. (Foto: NEBT.ru)

Moskau gilt als die Hochburg Russlands in Sachen Theater, was jedoch nicht ganz stimmig erscheint, wirft man einen Blick in die Provinz. Fern ab von aufmerksamen Augen, die das tägliche Theatergeschehen bewachen, sprießt so manch ein kühnes, starkes Grün aus dem Boden, wächst heran und beweist seine Kraft.

Da fällt der Blick auf Kurgan mit den offenen Theaterkreationen von Dumitriu Acris. In seinem „Lear“ baute er auf Shakespeare brandaktuelle Tableaus als Spiegelbild einer Gesellschaft, ihre politischen Strömungen und deren Adepten. Mord, Betrug und Fake erhielten den Politiker ihre Macht. Und im selben Augenblick zerstörte er die Bilder, eine Mixtur zwischen russischer Schule und westlicher Regie.

Im SSWFest gastierte das Parafraz Theater mit dem „Urteil“ nach Kafka. Aus der kleinen Provinzstadt Glazov kam eine sehr zeitnahe Interpretation, die Damir Salimzyanov offensichtlich mehr den Tagesthemen als dem historischen Skript entnommen zu haben schien. Sehr gut und ausgesprochen mutig. Dazu ein aussagekräftiges Bühnenbild, in dem wunderbare Darsteller agierten.

Shakespeare spannte zwei weitere Male einen Bogen in die Gegenwart. In „Richard III“, eine rund um den Globus bereits vielfach ausgezeichnete One-Woman-Show, interagierte die englische Schauspielerin Emily Carding bitter-süß mit den besuchern und entlockte der Vorlage einige gelungene komödiantische Aspekte, die das Publikum begeisterten. Die post-punk Puppenshow „Hamlet“ des Bolshoi Puppentheaters kam ungezogen, respektlos, grell, punky, tiefblau und schrecklich schön daher. Männer agierten in den Frauenrollen, ganz so wie zu den Zeiten des alten Meisters: eine „Postpunkpuppetschow“, in die man sich einfach verlieben musste.

Ein weiterer „Hamlet“ rundete den Besuch des Chronisten in St. Petersburg ab. Just vor zwei Jahren gastierte das Masterskaja Theater in Eriwan, wo mich Roman Gabrias Hamlet à la Sechziger Jahre in den Bann zog. Dieser rein zufällige erste Kontakt brachte meine Zuneigung zu der neuen, anfänglich fremden Theaterwelt. Ich durfte sie dankbar mit viel Freude und manch einer Begeisterung beim zweiten SSWFest vertiefen. (Dieter Topp) Fotos:PPS

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