MACHT Ausstellung Benrd Reiter – Kunstforum Wien

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MACHT – Ausstellung im Kunstforum Wien vom 20. Aug. – 16. Sept. 2020 Provokante, gesellschaftskritische Installationen von Bernd Reiter

Der Kampf der Supermächte, der Syrienkrieg, die Flüchtlingskrise, der Missbrauch von Kindern innerhalb der Kirche… sind die brisanten und aktuellen Themen der berührenden und tiefgründigen Großinstallationen von Bernd Reiter, die unter dem Ausstellungstitel MACHT im Bank Austria Kunstforum Wien erstmals in Österreich gezeigt werden. Die Ausstellung, kuratiert von Manfred Möller in der Reihe Edition Minerva, wird vom 20. August bis 16. September gezeigt.

Die Ausstellung MACHT legt die traditionellen Machtstrukturen von Institutionen ebenso offen, wie die von unterschiedlichen Staaten und Systemen. In seinen Installationen hält Bernd Reiter der Gesellschaft einen Spiegel vor, provoziert und möchte den Betrachter wachrütteln Stellung zu beziehen, um institutionelle und politische Machtverhältnisse zu hinterfragen mit der Intention, die Allgemeinheit zu informieren und vielleicht sogar zu verändern. Seine Arbeiten haben stets aktuelle Bezüge, dabei fungieren seine Arbeiten nicht nur als Provokation, sie sind ein emphatisches Statement, möchten sensibilisieren und mahnen, aber auch Fragen aufwerfen, den Betrachter wachrütteln, ihm Denkanstöße liefern und zum Handeln anregen.

Bernd Reiter
Der Installationskünstler, Maler und Bildhauer ist 1948 in Köln geboren, wo er bis heute lebt und arbeitet. Neben seiner Kunst feiert der Immobilienunternehmer seit über 35 Jahren mit seiner ungewöhnlichen Architektursprache Erfolge. Zahlreiche Großprojekte lassen ihn in großen Dimensionen denken. Länger als in seinem Unternehmen, ist er bereits als Künstler, Kurator und Kunstförderer tätig. Sowohl für den Unternehmer als auch für den Künstler steht Kreativität an oberster Stelle. Thematisch beschäftigt sich Reiter mit gesellschaftlich relevanten und gleichzeitig brisanten Themen. Seine provokanten Installationen fallen schon durch ihre Größe auf. Der Betrachter fühlt sich von der starken visuellen und inhaltlichen Präsenz angesprochen. „Meine Kunst ist intensiv. Sie ist Sein. Ich kann meine Gedanken aufgrund meines Talents »verstofflichen«, in Materialien umsetzen. Und damit ein Ergebnis erzielen, das etwas ausdrückt, ein Gefühl transzendiert, eine Vision erlebbar macht.” Reiter hat ein Gespür für Themen, er spricht die Menschen auf emotionaler und gleichzeitig intellektueller Ebene an. Ein zentraler Punkt seines Œuvres sind große, multimediale Installationen, die politische und gesellschaftliche Missstände aufgreifen, thematisieren und anprangern.

Die Ausstellung Macht
Es werden die Installationen Ironie des Schicksals (2016) und (schein)heilig (2019) sowie Skizzen, Modelle und Fotos von der Entstehung der Installationen gezeigt.

Ironie des Schicksals wurde bereits im Entstehungsjahr auf der Art Fair Köln ausgestellt sowie 2018 auf der Art Karlsruhe. In der Wiener Ausstellung werden als pars pro toto signifikante und markante Inhalte aus der Installation extrahiert, da sie hier aufgrund ihrer Größe nur in einer stark veränderten Form als Ganzes hätte gezeigt werden können. Die ausschnitthafte Auswahl jedoch ist nachvollziehbar und lässt die Intention des Künstlers dennoch klar erkennen. Überarbeitete Fotografien der raumgreifenden Installation geben einen Eindruck der komplett 5,30m x 8,10m x 15,50 m (H x B x L) messenden Arbeit. In der Installation beleuchtet Bernd Reiter die permanent drohende Eskalation eines erneuten Kalten Krieges zwischen den Supermächten Russland und den USA. In der Arbeit geht es um zwei politische Systeme, um zwei Welten, zwei grundverschiedene Ideologien, die aufeinanderprallen. Genau das zeigt die Installation: hier treffen ein ausrangierter und bedrohlich wirkender sowjetischer Abfangjäger und zwei schwarze amerikanische Oldtimer-Limousinen mit ihren markanten Heckflossen buchstäblich aufeinander. Flimmernde Monitore, auf denen im loop bewegte Bilder aus den aktuellen Krisengebieten der ganzen Welt laufen, geben der Installation ihre Aktualität und schlagen eine Brücke in die Gegenwart.

Bei der skulpturalen Installation handelt es sich um ein eindringliches Mahnmal mit Aktualitätsbezug. Auf den zahlreichen Monitoren laufen ungeschönte, unbearbeitete, grausame Bilder, sie dokumentieren die Situation und stammen aus Nachrichtensendungen im Fernsehen, sowie aus dem Internet. Schwarze Flachbildschirme durchschneiden die Oberflächen der Mikojan-Gurewitsch MiG-21 und der beiden Straßenkreuzer. Altmodische Röhrenfernseher liegen zusammen mit Schrottteilen aus dem ausrangierten Flugzeug und alten Rettungswesten auf dem Boden. Hier prallen zwei Welten aufeinander, die amerikanischen Luxusautos und das russische Kampfflugzeug mit dem fünfzackigen roten Stern auf dem Höhenruder verweisen nicht nur auf den längst beigelegt geglaubten Kalten Krieg zwischen den beiden Supermächten, zwischen Ost und West, zwischen Kommunismus und Demokratie, sondern auch auf reale und aktuelle Stellvertreterkriege.

„Als Stellvertreterkrieg wird“ laut Wikipedia „ein Krieg bezeichnet, in dem sich zwei oder mehr in Konflikt befindliche Großmächte nicht direkt militärisch auseinandersetzen, sondern diese militärische Auseinandersetzung in einem oder mehreren Drittstaaten austragen. Die Drittstaaten handeln also quasi als Stellvertreter der oft „nur“ im Hintergrund beteiligten Großmächte.“ In diesem Fall geht es um den Konflikt in Syrien, der, als Bürgerkrieg bezeichnet, täglich zigtausende zivile Opfer fordert. Die Kriege und Konflikte in Syrien, Afghanistan und dem Irak, aber auch zahlreiche Menschenrechtsverletzungen und die Hungertoten im Nahen Osten und Afrika tragen die Konflikte und die daraus resultierende Flüchtlingskrise vor unsere Haustür. Dabei bezieht sich der Titel der Installation Ironie des Schicksals auch auf uns in Europa, und gerade auf Deutschland, das nach dem Zweiten Weltkrieg seine eigene Massenmigration und Flüchtlingskrise erlebte.

Hieraus ergibt sich für Reiter eine politische und wirtschaftliche Verantwortung für uns. Thema der Installation ist das Engagement der Supermächte Amerika und Russland im Syrienkonflikt, der drohende Kalte Krieg und die unmittelbare Auswirkung auf die syrische Bevölkerung, die aus ihrem Land flieht. Die Russen werden symbolisiert durch eine MiC-21 Maschine mit rotem Stern und die Amerikaner durch zwei schwarze Straßenkreuzer der Marke Cadillac. Ein Wagen steht am Boden, vom Rumpf des Flugzeugs zerquetscht, ein zweiter Cadillac ist aufgestellt und in der Höhe der Türen aufgeschlitzt, dies erinnert an gierige Mäuler. Das Bild, das sich dem Betrachter einprägt, ist, dass die Amerikaner, für die die Autos stehen, die Russen, hier duch das Flugzeug vertreten, dominieren wollen, es steht für Aktualität und eine thematische Brisanz. Im zentralen Ausstellungsraum, der Säulenhalle, zeigt Bernd Reiter eine originale Rettungs-Insel, hier laufen auf 20 Monitoren bewegende Videos, die aus Syrien fliehende Menschen zeigen: die Flüchtlinge und die Migration als Konsequenz politischer Machtspiele, es geht um die menschlichen Tragödien und Einzelschicksale, aber auch um das Schicksal eines ganzen Landes. Auf den TV-Bildschirmen an den Wänden laufen authentische Filme, die Bilderflut beleuchtet eindringlich das Kriegsgeschehen in Syrien, ungeschönt und berührend, weiterhin sieht man Putin als Pilot eines Militärflugzeugs, sowie Reden amerikanischer Präsidenten, z.B. Barak Obama. Obwohl die Installation in Wien nur in Teilen aufgebaut ist, lässt sich die Stärke und Aussagekraft von Ironie des Schicksals nachvollziehen. Der Besucher wird, durch ihren dokumentarischen Charakter schockiert, aber auch wachgerüttelt, da die Präsenz und die Manipulation der Super-Mächte im Syrienkrieg drastisch aufgezeigt wird. Ein erhöhter Schiedsrichterstuhl, wie wir ihn von Tennis Matches her kennen, läd den Besucher ein, die Installation aus der neutralen Position zu betrachten und sich einen Überblick zu verschaffen So wird der Betrachter in die Thematik direkt involviert und ein Teil des Ganzen.

Die Installation (schein)heilig wird in der rechts anschließenden Säulenhalle gezeigt. Diese Installation wurde 2019 auf der Art Karlsruhe und in den Räumen der Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig gezeigt und sorgte an beiden Orten jeweils für großes Aufsehen. Die aus insgesamt sieben Kirchenbänken und 40 TV-Bildschirmen bestehende Installation (schein)heilig aus dem Jahr 2018 thematisiert die zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs innerhalb der Kirche. Die raumgreifende Installation mit einer Länge von knapp 7 Metern und einer Höhe von rund 6 Metern dominiert den Raum. Die für die Installation wichtigen Elemente der halbrunden Kirchenbänke stammen aus einem 2006 profanierten Kirchenbau aus dem Jahr 1956, sie weisen eine 60-jährige Geschichte auf. Drei dieser Bänke sind vertikal aufgestellt, sie symbolisieren einen Sakralbau. Ihre Anordnung kann auch als geöffneter Mund gedeutet werden, der die Leidensgeschichte der Opfer erzählt. Bernd Reiter sieht in ihnen „den Schrei der Missbrauchten.“ Vier weitere Bänke laden ein, sich hinzusetzen, die Installation zu betrachten und den Inhalt zu reflektieren. Statt dem Gottesdienst zu folgen, schaut der Betrachter auf die unter dem angedeuteten Kuppeldach integrierten Bildschirme.

Auf den Monitoren sind Bibelzitate, sowie Szenen, Berichte und Bilder aus der Kirchengeschichte zu sehen. Dabei kann Bernd Reiter auf Entwicklungen des Themas insoweit eingehen, als er Änderungen und Anpassungen vornimmt und die Installation stets aktuell bleibt. Somit handelt es sich bei der Installation um ein Work in Progress. Die aus einer aufgelassenen Kirche stammenden Bänke sind Readymade-Objekte, ein äußerst wichtiges Element der Installation, in diesem Fall kann der Besucher sich sogar auf die Bänke setzen. Dadurch baut Bernd Reiter Distanz ab, der Betrachter kann die Installation rezipieren und wird gleichzeitig Bestandteil der Installation, im Sinn einer immersiven, allgemeingültigen Kunst. Die auf den Monitoren eingeblendeten Videobilder visualisieren die Brisanz und Aktualität des Themas für unsere Gesellschaft. Begriffe wie „Missbrauch“, „Moral“, „Respekt“, „Verantwortung“, oder teilweise abgewandelte Zitate aus dem Vaterunser „Und führe uns nicht in Versuchung“ oder „Erlöse uns von den Bösen“, kombiniert mit Bildern von Päpsten und Kardinälen, die das Thema negiert, verschwiegen, oder ansatzweise versucht haben, hier Aufklärungsarbeit zu leisten.

Reiter bezieht in der Installation zu den Vertuschungen der Kindesmissbrauchsskandale klar Stellung, er prangert die fehlende bis schleppende Aufklärung dieser Missstände in der Kirche in aller Schärfe an.

Dabei bedient er sich des Stilmittels der Überhöhung visueller und sprachlicher Elemente, die eine emotional aufgeladene, hochexplosive Wahrnehmungssituation schaffen. Die doppelbödige Moral der Kirche wird dem Betrachter hier eindrucksvoll vor Augen geführt, die Kirche, selbst ernannte moralische Instanz, als fehlbar entlarvt. Dabei geht Reiter auch auf die Aufarbeitung der Missbrauchsskandale ein, sieht auch die Bemühungen der Kirche, sich dem Thema zu stellen, aufzuklären und Lösungen zu suchen. Bernd Reiter zeigt sich hier als gesellschaftskritischer Künstler, der Missstände anprangert. Seine als Eyecatcher konzipierten Installationen erregen allein schon durch ihre Größe, aber auch durch die Auswahl der Materialen und integrierten Objekte große Aufmerksamkeit. Gleichsam fordern sie den Betrachter auf, sich mit den thematischen Inhalten zu befassen, wie in diesem Fall der Scheinmoral und Willkür der Mächtigen. Die Installation zeigt die Vergehen auf, allerdings nicht neutral dokumentarisch, Reiter bezieht klar Position. Seine Arbeiten sind gesellschaftspolitisch relevant und maßgeblich, gesellschaftliche Phänomene und Missstände, auch im Zusammenhang mit einer Aufarbeitung in den Medien, speziell im Fernsehen, werden evaluiert. Die Installation wird thematisch noch unterstrichen durch zwei Einzelbänke, sowie 10 gerahmte Grafiken aus der Portfolio Serie.

Bankhaus Austria Kunstforum Wien

Das imposante, im neoklassizistischen Stil nach Entwürfen der Architekten Ernst Gotthilf und Alexander Neumann in den Jahren 1914-1921 als Bankgebäude für die Österreichische Creditanstalt für Handel und Gewerbe errichtet, gehört zu den bestbesuchten Sehenswürdigkeiten Wiens und präsentiert in stilvollem Rahmen wechselnde Ausstellungen mit Schwerpunkten auf der Malerei der Klassischen Moderne, der Avantgarde der Nachkriegszeit bis hin zur zeitgenössischen Kunst.

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