MLADI LEVI 2020 – Gedanken zur 23. Festivalausgabe zeitgenössischen Theaters in Slowenien

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(von Dieter Topp) Im beschaulichen slowenischen Ljubljana verursachte die Corona Pandemie einen demokratischen Erdrutsch. Der rechtsgerichtete Premier Janez Jansa griff die Medien an. „Die Regierung versucht in der Covid-19-Krise, die Kommunikation in ihrem Sinn zu bestimmen. … Auch NGOs warnen davor, dass ihre zukünftige Finanzierung in Frage gestellt wird, ähnlich wie in Orbáns Ungarn. (DerStandard Int. 11.4.20)“. In Slowenien galt es, einen kompletten Politikwechsel verdauen.

Seit nunmehr 20 Wochen gehen Bürger jeglicher Provenienz, auch Künstler, auf die Straße. Sie protestieren gegen Übernahme des Staates im ungarisch, Orban’schen Habitus.

Bunker heißt eine dieser Vereinigungen, die in Zukunft betroffen sein könnte, eine gemeinnützige Organisation zur Durchführung und Organisation von kulturellen Veranstaltungen. Sie produziert und präsentiert zeitgenössische Theater- und Tanzaufführungen, organisiert Workshops und Bildungsprogramme mit besonderem Schwerpunkt auf kultureller und künstlerischer Bildung, nimmt an zahlreichen internationalen Projekten teil oder leitet diese, organisiert internationale diskursive Foren und Diskussionsabende und produziert eines der bekanntesten internationale Festivals für zeitgenössische darstellende Kunst – das Mladi Levi Festival.

MLADI LEVI, die „Jungen Löwen“ sind los.
Im Alten Kraftwerk, Elektro Ljubljana, befindet sich der Raum für zeitgenössische Kunst, voller Aktivitäten, den mehrere zumeist freie Gruppen nutzen, ein Ort für verschiedene Workshops, die vom Kulturmanagement bis zu Tanztechniken reichen, abends Schauplatz zeitgenössischer Aufführungen und Multimedia-Veranstaltungen. Das Programm im Alten Kraftwerk besteht aus einer Kombination internationaler Aufführungen, die im Rahmen verschiedener Festivals präsentiert werden, sowie einer Auswahl interessanter slowenischer, zeitgenössischer Künstler. Der rote Faden aller Ereignisse in The Old Power Station ist der Wunsch, die Grenzen der Ästhetik und des Erwarteten zu erkunden und zu verschieben, sowie der Wunsch, sich im lokalen und globalen Umfeld zu engagieren.

Das internationale Festival Mladi Levi (Junge Löwen) ist eine der bekanntesten jährlichen Veranstaltungen des Bunker-Instituts und bringt seit 1998 die aktuellsten Bühnenkünstler aus aller Welt nach Ljubljana. Es zeichnet sich durch ein recht anspruchsvolles künstlerisches Profil in der Arena des zeitgenössischen progressiven Theaters aus und ist stolz auf seinen Ruf, junge Talente zu entdecken. Das Festival hat eine unverwechselbare Atmosphäre, geprägt von Kreativität und lebendigem Geist, neugierigem Publikum und sozialer Natur.
Mladi Levi lebt von Begegnungen und Überraschungen und öffnet sich ständig ausländischen Künstlern und Gästen, die sich an Kunst erfreuen und zeitgenössische künstlerische oder soziale Themen voreinander verbreiten. Es handelt sich dabei um einen Ort des Austauschs sowie eine Wiege neuer Ideen, Freundschaften und Kooperationen, die im Verlauf ihres Wachstums häufig über die lokalen Konzepte oder Grenzen hinausgingen und -gehen.

MLADI LEVI 2020
„Wir haben in den letzten Jahren viel über die Bereitschaft zur Veränderung, über Maßnahmen und gerechten Übergang gesprochen, aber wir haben uns die Realität, in der wir jetzt leben, weder vorgestellt noch gewünscht. … Diese Zeiten sind geprägt von immenser Zerbrechlichkeit, Verletzlichkeit, Angst und Wut – aber das Theater hat keine Angst davor, all diese Gefühle zu zeigen: die Verletzlichkeit unseres Körpers, Beziehungen, die Verletzlichkeit der Natur und das endlose Warten“, so das Festival Team.

Nachdem der Chronist erfahren hatte, dass bereits 2011 „Les Enfant Terribles d’Italia“, das berühmte Produzenten und Künstler-Duo Ricci/Forte, Gäste des Festivals gewesen waren, die mit Hilfe des KulturForum Europa 2010 beim damals großartigen – leider später politisch ungewollten und zerstörten – Underground Festival im rumänischen Arad und 2012 sogar mit dieser Hilfe beim Eugène Ionesco Festival in der Moldauer Hauptstadt Chisinau auftreten konnten, gab es keinen Grund mehr zu zögern und dem Ruf der „Jungen Löwen“ nach Ljubljana zu folgen.

Mladi Levi muss fit bleiben im kreativen Sinne, im Zustand einer kritischen Sicht auf die Welt. „Alles, was wir am Theater am meisten lieben – seine Essenz – ist, im Dunkeln zusammenzuhalten, die gleiche Luft zu atmen, Kontakte zu knüpfen, sich körperlich und geistig zu berühren, Ansichten, Gefühle, Gedanken- und Vorstellungsströme auszutauschen. All dies ist über Nacht von uns weggerutscht wie Wasser durch unsere Finger. Wir haben das diesjährige Mladi Levi-Programm unzählige Male zusammengestellt und wieder verworfen, um es je nach epidemiologischem Bild und Reisemöglichkeiten wieder und in unterschiedlicher Kombination zusammenzustellen. … Wir wollten den internationalen Teil des Festivals nicht aufgeben, aber wir haben seine Natur und unsere Arbeitsweise geändert. Das Bunker-Team hat es organisch gestaltet und bereits zu Beginn der Pandemien haben wir mehrere Werke lokaler Künstler in Auftrag gegeben, die während des Festivals präsentiert werden sollen“, so heißt es beim Festival weiter.

Und es schien, als habe das Festival eher tiefgestapelt mit der Ankündigung zum diesjährigen Festival.
Hier nun drei Beispiele aus dem Zyklus eines dennoch reichhaltigen kulturellen Unterfangens:

Mit FACES OF EUROPE brachte die Kroatische Konzeptkünstlerin Sinisa Labrovic eine heiter satirisch-bissige Tragetaschen-Aktion mit Gesichtern zu Stalin, Marie Curie, Tito, Simone de Beauvoir, Ronaldo, Twiggy, dem polnischen Papst und Angela Merkel in die Straßen und Gassen der slowenischen Hauptstadt. Mit solchen, übergestülpten europäischen Größen konnten die Menschen in die jeweilige Rolle schlüpfen und ihre persönliche Europa-Story kreieren, ein Projekt sein als Teil des EU-Programms „Auf dem Weg zu einem offenen, fairen und nachhaltigen Europa in der Welt“.

Jaka Andrej Vojevec, PLASTOCENE – TOUR
Der Slowene Jaka Andrej Vojevec fragte, wie man das endgültig letzte Menschalter im Falle des Aussterbens des Menschen benennen solle? Der Analogie der Namen historischer Epochen folgend, die das wichtigste Material hervorheben aus dem der Mensch Werkzeuge und andere Objekte herstellte, bot Vojevec, bekannter slowenischer Autor und Regisseur sozial engagierter und freier Theater eine Antwort an: PLASTOCENE (Material: Kunststoff). Sein „Theatre of Human Kind“ bescherte eine amüsante Museumserfahrung archäologischer Funde einer fremden Zivilisation nach dem Aussterben des Menschen, die von einem Betrachter allein oder in einer Gruppenführung gesehen werden konnte: Die Besucher begegneten dem Wissen, das die fremde Zivilisation vor uns – den Plastikbewohnern – erworben hat, Wettbewerbsfähigkeit und das Konzept des Wettbewerbs, ungezügelte Verhalten im Namen der Religion, Gleichgültigkeit gegenüber Umwelt und anderen Spezies. Das Theater der menschlichen Art visualisierte höchst amüsant die Gegenwart und bot der Öffentlichkeit die Möglichkeit, diese faszinierende Spezies kennenzulernen und sich selbst zu erkennen als internationale Plastikbewohner.

Tery Zezeli & Ivana Vogrinc Vidali, ARCHIV DER SELBST-SUFFIZIENZ
„Wer sind wir, diejenigen, die die Umweltkrise verursacht haben, diejenigen, die sie fühlen, und deren Welt zu Ende geht?“
Eine audiovisuellen Installation in den Tiefen des Bunker-Kraftwerks wies mit verschiedenen technologischen, zufälligen oder speziellen Informationen, über unterschiedliche wissenschaftliche Entdeckungen den Weg zur Alternative derzeitiger Produktionsmethoden, der Ordnung von Leben, Abfall, Emissionen. Durch die Kartierung der derzeit vorhandenen Lösungen, die im Kontext des Spätkapitalismus entstehen, erstellten die Künstler eine Ideenkarte möglicher und bestehender Lösungen für Umweltprobleme und regten an zum Nachdenken über eine alternative Realität oder Zukunft, die noch nicht von der Gegenwart bestimmt wird. Gleichzeitig boten diese einen Einblick in den Anthropozentrismus, um den Dogmatismus der Umweltkrise herauszufordern – wer sind wir?
Und was war mit der Geselligkeit? Das Mladi Levi Festival ist doch bekannt für seine großartige Eröffnungsparty und Tanz. Leider konnte dies in 2020 angesichts gemeinsamer Sorge um Andere nicht der Fall sein. Es nahm jedoch nicht die Freude, – wenn auch in kleinen Clustern – Kontakte zu knüpfen und sich zu treffen. Und vor allem wurde ein weiteres Mal klar, dass diese komplizierten Zeiten nicht die Liebe zur Kunst rauben können.

Theater kann nicht gestoppt werden, aber wir können es immer wieder überdenken und neu erfinden.

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